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Sabrina & Rubén Veliz
Foto: Capurro

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Ball (Hist. Stadthalle)
Foto: Guido Gayk

Ball (Hist. Stadthalle)
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Ball (Hist. Stadthalle)
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Diana & Juan Camerlingo
Foto: vizzotto.com

Orquesta CIUDAD BAIGON
Foto: tango-tango.de

Diana & Juan Camerlingo
Foto: vizzotto.com

Diana & Juan Camerlingo
Foto: vizzotto.com


Tango in Wuppertal

Eine Pressecollage
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Großes Familientreffen der Tangotänzer

Westdeutsche Zeitung vom 26.09.05. Von Valeska von Dolega

Der 8. Ball Tango Argentino in der Stadthalle war wieder ein Glanzlicht in vielerlei Hinsicht.

Wuppertal. "Der Tango-Ball in der historischen Stadthalle ist das Highlight der Saison ", erklärt Elaine Eckberg. Dem festlichen Anlass entsprechend hat sich die Kölnerin nach allen Regeln der Kunst gestylt. Aber nicht nur die 39-Jährige schaut aus wie einem Hochglanzmagazin entsprungen. Eng anliegende, weit geschlitzte Kleider aus changierendem Samt, mit Pailletten übersäte Tops oder Hängerchen aus Tüll und Spitze schmücken die Frauen, dramatisches Augen-Make up bis hin zu blutrot lackierten Nägeln gehören zum Outfit.

Natürlich lassen sich die Herren nicht lumpen, perfekt sitzende Anzüge, überwiegend in schwarz, sind Pflicht, ebenso blütenweiße Oberhemden. Hier und da sieht man einen Gehrock, einer setzt selbst beim Tanzen seinen hellen Panama-Hut nicht ab, kurzum, es ist in Sachen Dresscode eine formvollendete Angelegenheit.

Um so komischer wirken die Jutebeutel. Denn was ein richtiger Tangotänzer ist, tanzt nicht in seinen gemeinen Straßenschuhen, sondern in speziell dafür vorgesehenen Tanzschuhen. Die müssen irgendwie transportiert werden und deshalb sind auch beim "8. Ball Tango Argentino" unter den festlich dekorierten Tischen Schuhbeutel deponiert.

"Ich freue mich so sehr aufs Tanzen", erklärt Charlotte Schändel. Vor zwei Jahren lernte sie als noch "taufrische Tangotänzerin" ihren jetzigen Freund kennen, Robert. Mit ihm sitzt sie nun an Tisch 27 unten im Saal, ein "herzlich willkommen Charlotte Schändel"-Kärtchen mit dem Programm des Abends liegt vor ihr. "Das Konzert von Silencio war genial", lobt Robert.

Aber noch beeindruckender findet er die Showeinlage von Laura Melo und ihrem Partner Ricardo Barrios. "Unglaublich", schwärmt er, jeden Buchstaben einzeln betonend. Die beiden Meistertänzer zeigen, was Tango in Perfektion ist. "So möchte ich auch tanzen können."

"Das wäre toll, wenn wir später auch so viel Platz für unsere Figuren hätten ", bemerkt Nachbarin Monika. Tangotänzer sind eine große Familie. Wer neu hinzukommt, stellt sich rasch vor, man hält sich nicht lange mit Siezereien auf, und gehört quasi schon dazu. Wo etwas los ist, trifft man sich immer wieder.

Um kurz nach 22 Uhr erklärt Moderator und Organisator Carsten Heveling: "Carlos aus Hamburg ist Euer DJ für diese Nacht". Begeistert springen alle auf, auch Charlotte und Robert. Strahlend drehen sie ihre Kreise, bemüht, weder einander noch anderen, dicht vorbei tanzenden Paaren auf die Füße zu treten. Das ist gar nicht so einfach, die Tanzfläche ist gerappelt voll. Leidenschaftlich liegen Frauen in den Armen ihrer Männer, andere fixieren konzentriert einen Punkt im Nirgendwo. Vereinzelt sieht man Frauen mit Frauen tanzen.

Auf der Toilette ist um Mitternacht Hochbetrieb. Eine Frau konnte sich eine Rolle Zwirn organisieren, um eine geplatzte Naht am Rock zu flicken. Andere tupfen sich mit Papier den Schweiß weg, um sich dann neu zu pudern und die Lippen nachzuziehen. "Eigentlich Quatsch", sagt eine Blondine mit kunstvoller Frisur. "Ich geh` jetzt doch sowieso etwas essen."

Für das Highlight der Saison scheint jeder vorgeschlafen zu haben. Auch nachts um 3 Uhr herrscht drangvolle Enge. Ganz Hartgesottene tanzen nicht nur bis zum offiziellen Ball-Ende morgens um 4.30 Uhr. Sie gehen ins Cafe Ada, um dort weiterzutanzen. "Der Abschluss im Ada ist ein Muss", lobt Elaine Eckberg. "Wenn man Glück hat, kommen sogar noch Leute aus dem Ball-Orchester, holen ihr Bandoneon raus und spielen."


Wuppertal: Schweben ohne Bahn

Der VIII. Ball Tango Argentino - Festival Wuppertal

Ein Erlebnisbericht von Elke Köpping (Berlin) für "Tango Kultur Info"
http://www.tangokultur.info/tangowuppertal.htm

Letztes Jahr saß ich irgendwann mal zu dieser Zeit, so im September, meine ich, auf irgendeiner Berliner Milonga rum. Im Rixdorf oder so, als mich einer meiner Tänzer, mit dem ich mich im Smalltalk übte, fragte, "Sag mal, fährst Du eigentlich nach Wuppertal zu dem großen Tangoball in der Stadthalle?" Woraufhin ich den Mann nicht nur pikiert, sondern nachgerade entsetzt anblickte und erwiderte "Was zur Hölle soll ich denn da?! Ich lebe und tanze in Berlin, wozu in der Provinz in fiesen 60er Jahre Stadthallen mit gruseligem Turnhallen-Ambiente herumhängen?". Liebe Wuppertaler Tango-Szene: ich habe Euch Unrecht getan!! Ich bekenne es und tue Buße, öffentlich, reuig und mit schlechtem Gewissen...

Wuppertal, da war ich mein Lebtag nicht, zu Wuppertal fällt mir erst mal Pina Bausch ein, dann lange gar nix und dann dämmert da was von einer Schwebebahn im Langzeit-Gedächtnis herauf. Und dann Blank, weißes Rauschen im Hirn. Wo liegt Wuppertal überhaupt? Irgendjemand schaffte es kürzlich, mich davon zu überzeugen, dass in Wuppertal der europaweit größte Tangoball stattfindet, in einer historischen Stadthalle, die von Kronleuchtern und Barockputten glitzert, dass es sich gewaschen hat. Soviel zum mutmaßlichen 60er Jahre Charme. Die 60er Jahre des 18. Jahrhunderts eben (ja, ich weiß, dass das Ding erst 1900 erbaut wurde). Dann stellte sich raus, wie es der Zufall manchmal so will, dass es eine ehemalige Theaterkollegin von mir ans dortige Schauspielhaus verschlagen hatte, die ich lange nicht gesprochen habe. Hier in Berlin fiel mir ohnehin die Decke auf den Kopf. Tally-Ho, die argentinischen Steppenhühner gesattelt und auf nach Wuppertal!

Am letzten heißen Sommerwochenende im September, dieses sehr späten Sommers in Deutschland, befinde ich mich also in meinem kleinen roten Auto auf dem Weg zum Rex-Theater in Wuppertal, wo die freitägliche Festival-Eröffnung mit einem Konzert von Claudia Pannone aus Buenos Aires und dem Quinteto Ángel aus Berlin über die sprichwörtliche Bühne gehen soll. Direkt von der Autobahn kommend, irgendwo am Bahnhof landend. Dank einer extrem guten und übersichtlichen Wegbeschreibung, die ich der Website des VIII. Ball Tango Argentino – Festival Wuppertal entnommen habe, gelange ich ohne Stadtplan (!) nicht nur wohlbehalten, sondern directement auf einen zentralen und gebührenfreien Parkplatz in der Wuppertaler City und arbeite mich innerhalb von 5 Minuten zur nächsten Pommesbude vor, die ich frisch gestärkt mit fettigen Fingern verlasse. Keine drei Schritte weiter rolle ich ins Foyer des Rex-Theaters. Gut 150 Zuschauer haben sich schon eingefunden, um der Pannone auf die Stimmritzen zu schauen, ein Artikel in der Sommer-Tangodanza verhieß da Gutes.

Aber man soll ja bekanntlich nicht alles glauben, was in der Zeitung steht. So auch hier. Ich frage mich langsam, ob nicht mal irgend jemand ein neues Repertoire für alle Tango-Sängerinnen dieser Erde erfinden kann, auf einen Schlag sozusagen, das dann für die nächsten 5 Jahre wieder gültig ist. Der Piazzolla kommt mir nun wirklich nach dem 17. Mal aus den Ohren heraus – Chiquilin und Milonga Sentimental und Loco und Malena und die Orangenblüte und die Verkündigungs-Arie aus der Maria und wie sie alle heißen mögen. Gibt's denn – Herrgottsakra – auf der Welt nur diese 11 Tangos, die jede einzelne der argentinischen Goldkehlchen wieder und wieder zum Besten geben muss? Soviel dazu.

Nichtsdestotrotz, der Abend ist eine schöne Auftakt-Veranstaltung für das Festival im stimmungsvollen Ambiente und Claudia Pannone eine Augenweide: eine dunkelhaarige, schlanke Schönheit, die sich grazil bewegt, mit Pep in sündiges Rot gekleidet ist und charmant mit dem Publikum zu flirten weiß. Zwischendurch legt sie noch eine kesse Sohle aufs Parkett. Die Frau ist auf der Bühne zu Hause.

Aber die Stimme, ach, ich weiß nicht. Ist sie mit ihren 25 Lenzen vielleicht einfach zu jung für den Tango? Hat noch nicht genug gelebt, nicht genug Erfahrung, nicht genug Höhen und Tiefen durchgemacht? "Alma de Tango" heißt der Abend und doch fehlt es gerade daran – an der Seele in der Stimme. Insgesamt ist ihr Sopran zu zart, fehlt es mir zu sehr an Tiefe, Schmutzigkeit und Seelenpein. Das eben, was diese Tangos, die aus den luftigen Höhen herab in tiefen brüllenden Schmerz sinken, so auszeichnet. Das verrucht-verraucht Verdorbene in den tiefen Lagen. Das kann sie nicht. Nun ist es nicht gerade so, dass ihre Stimme in den Ohren schmerzt, das nun nicht – ohne Zweifel, die Pannone hat in den hohen Tonlagen ihre große Stärke. Björk- und Kate-Bush-Songs interpretiert sie sicher hervorragend und mit Gewinn für den Zuhörer. Mir geht allerdings das Verständnis dafür ab, warum es nun ausgerechnet Tangos sein sollen. Aber davon soll sich jeder selbst ein Bild machen, ich wasche meine Hände in Unschuld. Gelegenheit gibt es im Oktober deutschlandweit genug. (Termine am Ende der Seite)

Um das Berliner Engels-Quintett nicht zu vergessen: natürlich gewohnt hervorragend satter Sound, wozu viele Worte verlieren? Mit ihren Instrumental-Stücken reißen sie die Zuhörer förmlich aus den Theatersitzen, das ist inspirierte Qualitätsarbeit. Dennoch verliert mich das Theater leider schon in der Pause, denn wenig Gründe liegen vor, mich dort zu halten – mich zieht's zunächst zum Auto, dort um, nämlich in ein verführerisches Tango-Outfit, und dann (wiederum mit solider Wegbeschreibung aus dem Internet) ins Wuppertaler "Café Tango", das auch mittwochs, freitags und samstags unter der Leitung von Luis Rodriguez reguläre Milongas anbietet. Am heutigen Freitag etwas irregulär nun eine in das Festival-Programm integrierte Milonga mit Schoh – pardon – Show. Etwas unscheinbar im Hinterhof einer Druckerei im finstersten Industriegebiet der Viehhofstraße in Wuppertal gelegen (gegenüber der Villa Media), trifft mich bei Eintritt in das Gebäude beinahe der Schlag: gut 350 Menschen tummeln sich schon zu so früher Stunde (vor Mitternacht) in einer der phantastischsten Tango-Locations, die mein müdes Auge je erblickte. Was für eine gigantische Party, was für ein Raum! Hier bin ich Mensch, hier will ich sein (und zwar die ganze Nacht, wenn's geht).

Rein größentechnisch wird die Tanzfläche in etwa den Ausmaßen des Berliner Ballhaus Rixdorf gerecht. Dem unvorbereiteten Besucher eröffnet sich hinter der Eintrittsschleuse der riesige Saal eines ehemaligen Schlachthofes (wie der Straßenname schon vermuten ließ) wie die Heilige Schrift dem Gläubigen: hier ist nicht nur Raum für die Milonga der Verkündigung, hier tanzt man die Milonga der Offenbarung. Zwischen gut 10 in luftiger Höhe durch schwere Eisenträger verbundenen gusseisernen Säulen mit Ornamenten, die als Baudatum das Ende des 19. Jahrhunderts vermuten lassen, ist Platz für ausgefallene Figuren zur poppig durchmischten Musik von Ard aus Arnhem. Noch. Später in der Nacht sind die Massen dicht gedrängt. Stimmungsvolle Kronleuchter, goldgerahmte Spiegel, riesige raue Porträts der Tangogrößen von Gardel bis Piazzolla auf den verputzten Wänden, unzählige Sitzgruppen mit sympathisch alten Plüschsofas und –sesseln sowie dazugehörigen stabilen Couchtischchen laden zum Herumlümmeln, Beobachten und Nachdenken ein. Kühle Nachtluft strömt durch geöffnete Fenster und Türen und wird durch unzählige Ventilatoren umgewendet, so dass ein angenehmes Tanzklima entsteht – noch. Zu später Stunde kommen auch diese nicht mehr gegen 350 menschliche Lungen an. Aber egal. Wer geht schon wegen frischer Luft auf die Milonga? Außerdem lädt die geöffnete Hintertür zum Ausflug in den kleinen Garten für die lauen Sommernächte, mit Blick über die Stadt und in den Sternenhimmel, ideal zum Verschnaufen und Abkühlen ("chillen", wie der Buntenbach sagen würde...). Besonderer künstlerischer Clou der Ausstattung: ein Beamer projiziert live das Geschehen von der Tanzfläche auf eine weiße Wand oberhalb des Saal-Eingangs, was den Raum noch einmal auf interessante Weise öffnet und zum Spannen einlädt.

Als ich meinen Hintern aus einem der Sessel und somit mich aus der Beobachterposition hieve und mich taktisch klug in Barnähe postieren, werde ich stante pede auf die Tanzfläche gerissen – wieder und wieder und wieder. Die Stimmung tobt, es ist egal, mit wem man tanzt, Hauptsache man tanzt und genießt den Partner. Zugegeben – das Niveau ist allgemein nicht sehr hoch, eher im Mittelstufenbereich angesiedelt, wie auch das Durchschnittsalter der Tänzer sich eher auf die 50 zu bewegt, aber auch das ist mir an diesem Abend egal. Man muss ja nicht gleich heiraten. Hauptsache der Tänzer schiebt mich weiter mit 180 anderen Paaren über die Tanzfläche... Deutlich wird schnell, dass sich auch viele Tänzer aus dem Ausland eingefunden haben – es herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Wunderbar.

Der Showteil um Mitternacht, als sich die Damen schon in Dreierreihen am Stand des fliegenden Schuhhändlers (Ausdruck bei Swantje geklaut!) drängen, der bedächtig das Wechselgeld für jedes neue Paar Tangoschuhe, das die Besitzerin wechselt, von einer dicken Rolle Euros herabzählt, ist vom Feinsten: Patricia Hilliges und Matteo Panero aus Italien begeistern mit grazilem, um nicht zu sagen, über dem Boden schwebendem Salon-Tango. Gefolgt von einer aberwitzigen Sound- und Tanzshow von Catalina Fooken und Tomás Lotte aus Oldenburg, die ihresgleichen sucht. Ein Feuerwerk der Sensationen. Quietschende Luftballons, ratternde Toaster und schnaufende Gummipümpel, orchestral vorgetragen von seriös wirkenden Damen und Herren in Fräcken, begleiten irgendwo in der Kurve zwischen Sacada und Salida den beschwingten Schritt der Tänzer. Tango mal ohne Musik. Die beiden sollte man sich merken!

Trotz bester Vorsätze schwächele ich doch schon um 2.00 Uhr und mache mich auf den Heimweg, schließlich will ich am Samstagnachmittag schon wieder quietschfidel im Café Ada tanzen und dann am Abend noch auf den großen Ball, den Höhepunkt des Wochenendes. Da muss ich fit sein. Ab ins Bett mit Gurkenmaske und nach einer durchgemachten Nacht deutlich fehlende Schönheit erschlafen!

Am Samstag gelingt es mir nach angemessener Nachtruhe immerhin schon um 15.30 Uhr im Herzen des heimelig anmutenden Wuppertaler Türken-Viertels aufzuschlagen (kein Witz, das ist echt gemütlich und das Essen an den Ecken lockt lecker) und mich in die bereits seit der Mittagszeit tobende Caféhaus-Milonga im Café Ada zu werfen. Alles ganz gemütlich bei goldener Nachmittagssonne, die ihre letzten Strahlen über die gegenüberliegenden, für Berliner Verhältnisse doch irgendwie niedlich niedrigen Hausdächer blinzelt. Ganz putzig eben alles. So wie's sein soll, wenn man sich mal aus seinem Alltagstrott in die Fremde hinaus begibt.

Beinahe bedaure ich beim Blick in die vom Ada exklusiv zum Tangofestival angebotene Speisekarte übrigens das üppige Frühstück, das ich vor dem Weg hierher zu mir genommen habe. Kulinarische Köstlichkeiten, kleine appetitliche Schweinereien vom Bosporus, deren Namen allein beim Lesen schon das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen, ganz zu schweigen von diesen sich biegenden Platten, die ständig an mir vorübergetragen werden. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich meine sehnsüchtigen Blicke lieber über die Platten oder über die versammelte Männerwelt schweifen lassen soll. Die Tanzgier siegt.

Im Raum herrscht ein interessantes Kommen und Gehen von Tänzern, denn das Ada ist das offizielle Festival-Zentrum, der Ort zum "chillen" (wie der Buntenbach sagen würde....) zwischen den Millionen von Workshops, die zu besuchen mir irgendwie zu anstrengend erscheint, zumal so viele interessante Gastlehrer angereist sind, dass ich mich schier nicht entscheiden kann (darunter Amira Cámpora, und Andrea Reyero & Sebastian Missé, die zu bewundern ich im Salon Urquiza in Berlin unlängst Gelegenheit hatte). Rund um die Uhr soll hier am Wochenende im Ada getanzt werden können. Fantastisch. Zu gerne möchte ich die Frühstücks-Milonga nach dem Ball-Ende hier erleben, ab 04.30 Uhr am Sonntag, fürchte aber, dass ich angesichts meiner anstrengenden Rückreise am nächsten Tag auch diese nicht erleben werde (was sich bewahrheiten sollte).

Ansonsten ist das Ada ein sehr charmantes kleines Café im unteren Stockwerk, das im oberen Stock auch noch einen größeren Tanzraum beheimatet. Millionen von Tänzerfüßen ungefähr seit dem Jahr 1280 oder so haben den rührend abgeschliffenen hölzernen Tanzboden zu dem gemacht, was er heute ist. Schlichtes Holzmobiliar lädt zu einem in Muße vertanzten und verträumten Nachmittag, was ich mir denn auch nicht zweimal sagen lasse.

Erfrischt von der Nachmittags-Milonga wackele ich denn neu gewandet gegen 19.30 Uhr gen Stadthalle, zum Glück in Fußnähe zu meiner Herberge gelegen. Kaum habe ich dort bescheiden die Galerie betreten, auf der sich mein Platz in einer langen Reihe von Stühlen befindet, trifft mich diesmal auf jeden Fall der Schlag ob der Dimensionen dieses vollkommen wahnsinnigen Raumes. Er ist so riesig, dass die schwarz gewandeten Musiker des 8-köpfigen Orchesters "Típica Silencio" auf der am entgegengesetzten Ende des Saales befindlichen Bühne in etwa Ameisengröße in meinem Blickfeld erreichen.

Unabhängig davon schwebt deren phantastische Musik glockenklar und soundgenial ausgesteuert zu mir herauf, ebenso wie die schmelzenden Gesänge von Omar Fernández, einem bescheidenen älteren Herren aus der Hauptstadt Argentiniens, der in seiner gleichfalls schwarzen Kleidung chamäleonartig mit dem erstklassigen Flügel verschmilzt. Hier wären jetzt der Beamer und die Kamera aus dem Café Tango ausgesprochen hilfreich, nur eine weiße Wand zwischen den Putten und Goldornamenten zu finden, könnte schwierig werden. Was soll's, seine Stimme flutet durch den Raum als wär's die Dolby-Surround-Anlage im heimischen Wohnzimmer und streichelt meine Gehörgänge mit süßesten Melodeien. Ja, dieser Mann hat gelebt, seine Stimme erzählt mir davon.

Während des Konzertteils kann ich in Ruhe vom Balkon aus die unter mir angesiedelten festlichen Tafeln bewundern, eine jede liebevoll mit Menüs bestückt, die mit dem Namen des jeweiligen Platzinhabers versehen sind. Blumen, funkelndes Glas, weiße Tischtücher. Jeder Tisch hat einen Namen, jeder Tisch hat eine Nummer. Vom Feinsten. Look und Organisation. Barocke Goldornamente und verspielte Putten zieren in der Tat füllig die Wände, zarte Giotto-Wölchen schweben am Saal-Himmel und bilden den Hintergrund für 9 riesige Kronleuchter. Sensationell. Der Abend ist jeden einzelnen Cent wert, den der Eintritt kostet – der beileibe nicht so teuer ist, wie diese Ausstattung vermuten ließe. Nach dem offiziellen Konzertteil und einer ersten Tanz-Show von Laura Melo & Ricardo Barrios eröffnet Veranstalter Carsten Heveling den Ball – es darf getanzt werden! Etwas unruhig schleiche ich hinunter zu den auf die Tanzfläche strömenden Massen. Erst jetzt eröffnen sich die wahren Dimensionen des Balles: 1.000 Menschen drängen sich im Saal!

Wehmutstropfen: Es scheinen doch recht viele Paare unterwegs zu sein. Und so steh ich und steh ich und steh ich allein an meiner Säule, die Füße tun schon weh vom stehn und kein Mann kommt vorbei. Da nützt das geierartige Raum-Durchkreisen auch nicht, dieser Ball ist einfach zu groß. Einzelne Menschen fallen hier nicht ins Gewicht, was hier zählt ist Masse. Der nächste Versuch: ich fordere auf. Einen Total-Anfänger. Hm, najaaaa. Den Gang auf die Tanzfläche, das Tanzmonster mal von innen bestaunen, war's schon wert, der Tanz aber nicht. Egal. Auch Anfänger fangen eben mal irgendwann an und irgendjemand muss halt auch mit ihnen tanzen. Aber nicht gleich noch einen im Anschluss, nein danke. Die Geschichte mit dem selbst auffordern klappt also auch nicht so ohne weiteres. Den legendären Single-Tisch, vom Veranstalter liebevoll "Buenos Aires-Tisch" getauft, finde ich nicht und so kreis' ich schon seit Stunden und dreh' so meine Runden...

Immer wieder tritt das Orchester auf und spielt zum Tanze auf, immer wieder tritt auch Omar Fernández auf, die ganze lange Nacht lang, bis irgendwann um 2.00 Uhr oder so. Der Himmel auf Erden. Immerhin, von innen betrachtet ist die Tanzfläche gar nicht so ein erstrebenswerter Ort, denke ich mir. Jede Menge mittelalte Pärchen mit Glitzerklunkern behängt, die so tanzen als wär' dieser Ball die einzige Gelegenheit im Jahr und entsprechend um sich schlagen und treten als ging's um American Football. Dabei ist jede Menge Platz auf dem funkelnden Parkett. Ich lasse mir sagen, dass die Zeit zwischen 2.00 und 4.00 die beste sei und dann das Frühstück im Ada. Alas, ich halte nicht durch. Die Füße tun vom stundenlangen Stehen weh, der Rücken schmerzt, das Publikum amüsiert mich nicht sonderlich, denn im Allgemeinen bin ich keine Freundin von Spießer-Ansammlungen, ich mag's gern ein bisschen wild und runtergekommen. Für alleinreisende Berliner Journalistinnen wie mich endet der Abend im absolut tödlichen Fußschmerz-Herumgestehe. Es ist eben doch nicht alles Gold, was glänzt!

Nichtsdestotrotz: dieser Ball, dieser Raum ist ein Erlebnis. Für Menschen, die einmal im Jahr mit einer kleinen Gruppe oder ihrem Partner einen kultivierten Abend in Gesellschaft festlich gewandeter Menschen mit edlen Speisen und Getränken nebst perfekter Beschallung und hochklassigem Showteil verleben wollen, ist diese Veranstaltung genau das Richtige. Es gibt nichts im Entferntesten Vergleichbares in Europa.

Wer's nicht ganz so nobel mag, dem sei das gesamte Rahmenprogramm des Wuppertaler Tangofestivals empfohlen, um nicht zu sagen wärmstens ans Herz gelegt, denn das ist eine Veranstaltung der Sonderklasse. Auch am Samstagabend darf übrigens parallel zum Ball im Café Ada und Café Tango getanzt werden. Die Termine für 2006 stehen schon fest und dann soll das Festival um einen weiteren Tag von 3 auf 4 erweitert werden, es soll noch mehr Workshops geben, und und und...